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Mode ist untrennbar von Psychologie. Ein Einblick

Als Camilla S., eine Modedesignerin aus Wien, mich vor einigen Wochen anrief und um ein Coaching bat, dachte ich nicht, das sich aus diesem Coachingtreffen eine komplett neue Kollektion entwickelt. „Zukunftsvision durch Visualisierung“, das wurde unserer Coaching Thema für eine kurze Zeit. Camilla S. und ich trafen uns für das Erstgespräch in einem Cafè im Berliner Süden. Ein trüber, wolkenverhangener Tag.

Camilla S. eine junge Modedesignerin für Haute Couture, war im neunten Monat eines vergangenen, katastrophalen Jahres. Es war nach einem Klinikaufenthalt. Es war nach ihrer Scheidung. Es war Winter. Sie hatte sogar aufgehört zu rauchen. Sie trug einen pinken Regenmantel mit großen, verzerrten Punkten drauf, ein grünes Cashmirkleid, dazu Turnschuhe. Sie kam grade aus dem Yogastudio. Ihre roten Haare waren noch feucht. Sie überquerte schnell die befahrende Straße und schwang geschickt, wie eine Tänzerin von einer Seite zur anderen. „Ich bin Camilla“, sagte sie und streckte mir ihre kühle Hand entgegen. „Sie sind Daniela Loeffke?“ Ja. „Sie sehen aus, wie ein Life Coach, wie ich ihn mir vorgestellt habe.“ Ich wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, aber ich wusste direkt, wir können gut zusammen arbeiten, wir waren uns sympathisch.

Wie an einem unsichtbaren Faden zog Camilla, oder Cam, wie sie sich selbst gerne nennt, die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich. Es lag wahrscheinlich an ihrer eleganten und gleichzeitig zurückhaltenden Art durch den Raum zu laufen und die wachen Augen, die fast wie Kinderaugen leuchteten. Der Kellner kam, wir bestellten Wasser ohne Kohlensäure.

Als ihre Karriere begann, war sie Anfang 20. Die Welt, die sie faszinierte fand sie in Paris. Der erste Erfolg malte sich schon gleich nach ihrer Diplomarbeit ab, indem sie von einem namenhaften Unternehmen als Designerin eingestellt wurde. Es kam eins zum anderen und plötzlich war der Erfolg da. Anerkennung, Glamour und Hoffnungen breiteten sich am Horizont aus. Eingebildet? Keines Wegs. So schnell der Erfolg kam, so schnell war er auch wieder vorüber. Durch eine Scheidung und durch eine Alkoholkrankheit, verdunkelte sich langsam der Himmel des Erfolgs. Tagtraum und Alptraum, Berg und Tal, hell und dunkel, langsam und schnell- das Konträre sei unumgänglich und ein Gesetzt, dem wir uns nicht entziehen können, erklärte mir Cam. „Ihre Kreativität, die sie nicht nur aus der Mode selbst, sondern aus der Kunst, interessanten Menschen und ihrer Leidenschaft für Psychologie entwickele, habe nun einen langen Winterschlaf durchgemacht und müsse wieder zum Leben erweckt werden, durch ein Coaching.“

Als wir uns in meiner Praxis, einige Tage später trafen und intensiver arbeiteten, bekam Cam langsam wieder ein Zugang zu ihrer Gefühlswelt und Kreativität. Durch eine Visualisierung als gedankliche Reise gestaltet, explodierte förmlich die verschlossene Kreativität und es sprudelte vor Ideen. Die Gedankengänge wurden auf die menschliche Psyche gerichtet. Kleider als Gedankenleser der Seelenzustände der Menschen. Es entwickelte sich eine gedankliche Kollektion, die den emotionalen Zustand der Menschen reproduzierte. So entstand, „Daydream and Nightmare“. Die Gemütsschwankungen der Menschen wechseln zwischen Freude und Traurigkeit. Alpträume, Ängste und Sorgen die im Alltag gut verdrängt werden können, zeigen sich dann im Schlaf, sagte Cam, und präsentierte die dunkle Seite als „Nightmare“. Die schöne, unbekümmerte Seite des Lebens stand dem gegenüber und es entstand „Daydream“, für die fröhliche Seite der Kollektion. Tagträume, in denen man sich überall hindenken kann, in jede Form und jeden erdenklichen Gemütszustand. Kurz und knapp: Die Kollektion, die sich in der Visualisierungsarbeit beim Coaching entwickelte, stellte das perfekte schöne und das melancholisch destruktive dar.

Generell werden in der Visualisierung gezielte Fragen gestellt, die gegenüber dem Klienten Bilder hervorrufen, mit denen er arbeiten kann. Ein Bild macht es uns einfach, einen Begriff sichtbar zu machen, zu visualisieren. Probleme, Ideen oder Aufgaben werden in Bilder transformiert, die mit geschriebenen oder gesprochenen Worten nicht auszudrücken sind. Komplizierte Zusammenhänge lassen sich durch ein Bild auf den Punkt bringen. Bilder bleiben länger in unserer Erinnerung, da sie mit Gefühlen und Assoziationen verbunden sind. Die gesammelten Bilder werden graphisch festgehalten und dienen anschliessend der Orientierung.

Visionen! Das wichtigste Werkzeug der Designer, kam durch ein Coaching wieder zum Einsatz. Das war für mich als Coach eine tolle Erfahrung.

Aus jedem Coaching nehme ich persönlich immer ein Teil für mich selber mit. Hier nehme ich das Akzeptieren der konträren Seiten mit. Alles gehört zusammen. Alles fliesst zusammen. Diese Erkenntnis zu akzeptieren und zu respektieren, zeigt eine wahre Größe. Was mir besonders an meiner Klientin Cam gefiel, war ihre Bestimmtheit und Offenheit, mit der sie darauf bestand, die Visionsarbeit bis ins kleinste Detail zu beleuchten.

Wir arbeiteten eine Woche zusammen und verabschiedeten uns an einem verregneten Freitag. Cam war in einen guten Wollmantel gehüllt und schlüpfte elegant in die Ziegenlederhandschuhe. Auf Wiedersehen!

Daniela Loeffke